Zur medialen Berichterstattung über die Unfälle von Fukushima 1

Die beiden großen österreichischen Boulevardzeitungen Kronen Zeitung und Österreich titelten gestern über die Katastrophen in Japan „Todeswolke über Tokyo“ und „Ich war am Todes-Reaktor“. Ein Grund dafür, die Berichterstattung der beiden auf ihre Genauigkeit zu untersuchen.

Österreich-Cover vom 16.3.2011
Österreich-Cover vom 16.3.2011

Ein Reporter der Zeitung Österreich hat (laut Artikel vom 16.3.) das Krisenzentrum in der 300000-Einwohner-Stadt Fukushima besucht. Die Stadt selbst liegt nicht an der Küste und ca. 70km vom Atomkraftwerk Fukushima 1, das entgegen der europäischen Konvention nach der Provinz (Präfektur) und nicht nach dem Ort benannt ist, entfernt.
Dennoch war der Reporter laut Österreich „am Todesreaktor“ (Titelseite) und „beim Horror-Reaktor Fukushima“. Man darf sich fragen, ob 70km Entfernung schon nahe genug sind, um dies zu schreiben, oder ob er sich wirklich in die Nähe des Kraftwerks begeben hat.

Über das Krisenzentrum berichtete er:

Die Mitarbeiter verteilen DIN-A4-Zettel auf Umweltschutzpapier an die Menschen, die mit erstaunten Gesichtsausdrücken auf die Zahlenkolonnen starren. Die neuesten Messwerte aus den Gebäuderuinen der durch die Explosionen schwer beschädigten Havarie-Reaktoren stehen drauf–am Ende, ohne viel Erklärung, handgekritzelt: 8:31 Uhr 1,5m/s, 8:35 Uhr 1,6m/s, 8:50 Uhr 1,8m/s. […] Die Zahlen belegen schwarz auf weiß, wie dramatisch die radioaktive Belastung gestiegen ist.

In der Redaktion hätte es jemandem auffallen müssen, dass diese „Zahlen“ absolut keinen Sinn ergeben. In m/s (Meter pro Sekunde) kann man Geschwindigkeiten angeben, aber keine Dosisleistung. Womit wir beim nächsten Kritikpunkt wären.

Dosisleistung und Äquivalentdosis

Ein Messgerät zeigt 0,6 Mikrosievert pro Stunde an
Das Messgerät zeigt 0,6 µSv/h an, die Beschriftung ist falsch. Quelle: Kronen Zeitung vom 16.3.2011

Viele Medien, darunter auch Österreich und die Krone begehen den Fehler, Dosisleistung und Äquivalentdosis zu verwechseln. Die Größe, die nun interessant ist, ist die Dosisleistung, sie gibt–umgangssprachlich gesagt–an, wie viel Strahlung eine Person in einer bestimmten Zeit abbekommt. Man kann sie zum Beispiel in Sievert pro Stunde (Sv/h) angeben. Da 1 Sv/h eine außerordentlich hohe Strahlenbelastung darstellt bieten sich die Einheiten Millisievert pro Stunde (mSv/h) oder Mikrosievert pro Stunde (µSv/h) an, wobei gilt :
1Sv/h = 1 000mSv/h = 1 000 000µSv/h.
Jeder Mensch ist einer Dosisleistung von wenigen Millisievert pro Jahr ausgesetzt, die von natürlichen Quellen herrührt und abhängig vom Wohnort unterschiedlich hoch ist.

Die Äquivalentdosis hingegen wird in Sievert (Sv) oder Teilen davon angegeben. Dies ist praktisch, wenn man die (Gesamt-)Menge der Strahlung, der eine Person ausgesetzt war, angeben möchte. Bei einem Flug von Tokio nach Frankfurt erhält man beispielsweise eine Äquivalentdosis von ca. 50µSv. Ein Röntgen verursacht eine Dosis von ca. 100µSv.

Quelle: Österreich vom 16.3.2011

Sowohl Österreich als auch die Kronen Zeitung haben eine Tabelle abgedruckt, die angibt, ab welcher Äquivalentdosis welche unmittelbaren Effekte auf die Gesundheit auftreten können. Diese „Strahlenkrankheit“ betrifft Personen, die über kurze Zeit (wenige Stunden) eine erhebliche Strahlendosis abbekommen, zum Beispiel durch Atombomben, die Tschernobyl-Katastrophe oder durch andere Unfälle. Für die Arbeiter an den Reaktoren von Fukushima ist die Strahlenkrankheit ein Thema. Die normale Bevölkerung ist einer viel geringeren Dosisleistung ausgesetzt und braucht sich daher über die Strahlenkrankheit keine Gedanken zu machen. Für sie gilt es, möglichst wenig radioaktives Material (Staub) über die Luft, das Wasser und die Nahrung aufzunehmen und sich durch den Aufenthalt in Gebäuden zusätzlich zu schützen–vor Krebserkrankungen und anderen langfristigen Folgen.

3 thoughts on “Zur medialen Berichterstattung über die Unfälle von Fukushima 1

  • 24. März 2011 um 14:38
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    Hallo, habe mich auch über die Berichterstattung geärgert, aber höhere Qualität darf man sich vom Boulevard wohl nicht erwarten!

    Bitte jedoch den Fehler in Ihrem Beitrag zu korrigieren:
    „Jeder Mensch ist einer Dosisleistung von wenigen Millisievert pro Jahr ausgesetzt,“

    Dosis, nicht Dosisleistung!

    mit besten grüßen,
    CDE

    • 24. März 2011 um 14:40
      Permalink

      muss mich selbst korrigieren, mSv/a kann man durchaus auch als Dosisleistung durchgehen lassen!

      • 25. März 2011 um 18:43
        Permalink

        Physikalisch gesehen ist es eine Dosisleistung, weil die Einheit Dosis pro Zeit ist. Der Gedanke dahinter war auch, dass es sich dabei eben nicht um eine (Einmal)dosis, die man an irgendeinem Tag im Jahr abbekommt, handelt, sondern um die Summe vieler kleiner Dosen aus Strahlungsquellen, denen man mehr oder weniger kontinuierlich bzw. regelmäßig ausgesetzt ist.

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