Der Shitstormpranger. Zur Kritik in Social Media.

Eine Person des öffentlichen Lebens, einE PolitikerIn oder eine Firma postet etwas auf Facebook oder Twitter. Andere greifen die Aussage auf und kritisieren sie öffentlich, beispielsweise, indem sie einen Screenshot anfertigen („damit das nicht verschwindet“) und ihn in ihrem eigenen Netzwerk weiter verbreiten. Die Kommentare bewegen sich irgendwo zwischen berechtigter Kritik und regelrechter Beleidigung. Die betroffene Person hat kaum eine Möglichkeit, auf diese Kritik einzeln zu antworten und ihre Tat so zu rechtfertigen. Sie behilft sich vielleicht mit einer tollpatschigen Entschuldigung („Es tut mir leid, dass ihr mich falsch verstanden habt“), die zu spät kommt und weiter kritisiert wird. Ein mittlerweile oft gesehenes Muster.

Die betroffene Person fühlt sich dann oft als „Opfer“ eines „Shitstorms“. Einige Medien machen bei dieser Täter-Opfer-Umkehr bereitwillig mit. Die Schuldfrage interessiert mich aber nicht: Wer etwas veröffentlicht, muss sich dafür rechtfertigen.

Mich interessiert die Antwort auf folgende Frage: Warum postet jemand öffentlich Kritik auf Facebook oder Twitter?

Ich möchte euch dazu anregen, euch selbst die folgende Frage zu stellen, bevor ihr Kritik veröffentlicht:

„Was ist meine Motivation dahinter?“

Hier sind ein paar denkbare Antworten und ein paar Gedanken dazu:

„Ich möchte, dass die kritisierte Person meine Kritik hört, den Post löscht und sich entschuldigt.“

Facebook und Twitter bieten mir die Möglichkeit, direkt auf Postings zu antworten. Allerdings kann ich unter Umständen der kritisierten Person direkt eine Nachricht schicken (oder ein E-Mail). Damit verschaffe ich den kritisierten Aussagen keine weitere Öffentlichkeit. Ich gebe damit der Gegenseite außerdem eine Gelegenheit, meinen eigenen Standpunkt zu akzeptieren und die Situation möglichst gesichtswahrend zu lösen.

Für mich ist dieser Weg der aufwändigere: ich muss dazu meine Kritik präzise formulieren und versuchen, sie zu verteidigen.

„Ich möchte anhand der kritisierten Aussage ein Exempel statuieren.“

In diesem Fall funktioniert die Screenshot-posten-Taktik. Ich gebe damit meinen Freunden und Followern die Möglichkeit, die Aussage samt der Kritik daran weiter zu verbreiten. Je mehr das tun, desto mehr sind auf meiner Seite.

Ich nehme in Kauf, dass ich dabei der Aussage selbst zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffe. Das ist bei Aussagen von Prominenten wenig problematisch, weil sie ohnehin schon ein großes Publikum erreicht haben.

Meine sehr öffentlich vorgetragene Kritik kann eventuell dazu führen, dass sich auch auf der Gegenseite Leute sammeln. Ich erleichtere es der Gegenseite (und auch den Medien), einen Narrativ nach dem Motto „Wir sind die Guten – die Leute im Internet sind böse“ zu konstruieren. Wird es damit einfacher, zu einer Lösung zu gelangen, die in meinem Sinn liegt?

„Ich mag die Person X (oder ihre Firma, Partei, …) nicht.“

Die Fronten sind gezogen und ich bin selbst an keiner friedlichen Lösung dieses Konflikts interessiert. Ab an den Shitstormpranger mit den Gegnern: je mehr Leute die Kritik weiter verbreiten, desto besser. Ein „Shitstorm“ oder ein Haufen berechtigter Kritik hat in den letzten Jahren so manche Politiker zum Rücktritt bewogen.

Ist das ethisch vertretbar?

Andere Gründe

Ich vermute, dass die eine oder andere Person Spaß am Kritisieren hat und dabei ein Gefühl der Überlegenheit hat. Manchen geht es darum, die eigene Meinung durch andere User bestätigt zu sehen. Das Internet ermöglicht es zudem, Leute hemmungslos zu beschimpfen, ohne die Konsequenzen zu erfahren. Eine britische Studie fand beispielsweise, dass 5% der an Parlamentarier gerichteten Tweets beleidigend war. Davon wiederum enthielt ein Drittel keine Begründung für die Beleidigung.

Wie denkt ihr darüber? Ich freue mich über Leserbriefe und Kommentare.

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